07.11.2015

Berechnung der Ranglistenpunkte für die FIFA-Rangliste

Es ist richtig, dass bei der Berechnung der Ranglisten-Punktzahl für Deutschland die beiden Siege gegen Gibraltar nicht mitgerechnet wurden. Am 2. November schrieb ich in einem englischsprachigen Forum – ohne die Zahlen im Einzelnen vorliegen zu haben – dass folgende Argumentation (in Deutschland) zu erwarten sei:
Warum ist Deutschland Zweiter der Weltrangliste (November-Ausgabe)? → Zwei Siege gegen Gibraltar wurden nicht berücksichtigt → „Man hat Deutschland zwei Siege gestohlen!“ („das ist gut genug für eine Schlagzeile in deutschen Zeitungen“, schrieb ich). → bei Berücksichtigung der Siege wäre Deutschland nicht Zweiter der FIFA-Weltrangliste, sondern läge in einem Bereich zwischen 3 und 5 …

Sehen Sie selbst!

Beispiel Deutschland (für Liste November 2015)
siehe Jahres-Punktzahl 2015 (Schnitt)



Hier die Kalkulation nach FIFA-Art im Detail

Die Punkte für ein einzelnes Spiel errechnen sich aus der Multiplikation der Faktoren
M (Sieg = 3, Unentschieden = 1, Niederlage = 0),
I (abhängig vom Status des Spiels; Freundschafts- bzw. Länderspiel = 1; Qualifikation zur WM oder kontinentaler Meisterschaft = 2,5; Finalturnier kontinentaler Meisterschaft = 3; Weltmeisterschaft = 4),
T (Stärke des Gegners. Dem Weltranglisten-Erste wird T=200 zugewiesen, ansonsten ist T= 200 minus Rang, wobei gilt, T= mindestens 50)
C (Stärke der Konföderation; CONMEBOL (Südamerika) = 1; UEFA = 0,99; sonstige Kontinentalverbände = 0,85. Bei interkontinentalen Spielen wird der Durchschnitt der Kontinentalverbände der beteiligten Mannschaften angesetzt; z.B. Deutschland (UEFA) 0,99; Australien (AFC) 0,85. In diesem Fall beträgt dann C = (0,99 + 0,85) : 2 = 0,92 …)

Die Jahres-Punktzahl 2015 beträgt für Deutschland lt. FIFA 549,20. Wie errechnet sich dieser Wert? Die Punkte für die acht Spiele werden addiert und anschließend durch die Anzahl der Spiele dividiert. Der hier angegebene Wert 549,1969 entspricht gerundet dem von der FIFA angegebenem Wert 549,20.

Bei Einbeziehung der Spiele gegen Gibraltar passiert nun Folgendes. Dadurch, dass ein Sieg gegen Gibraltar weniger Punkte bringt als die ansonsten durchschnittlich erspielte Punktzahl, verringert sich die Jahres-Punktzahl (und damit die Ranglisten-Punktzahl).

Nr.

Datum

Gegner

 

 

Rang

M

I

T

C

Punkte

Summe

Schnitt

1

18.11.14

- Spanien

1:0

 

10

3

1

190

0,99

564,300

 

 

2

25.03.15

- Australien

2:2

 

65

1

1

135

0,92

124,200

 

 

3

29.03.15

- Georgien

2:0

 

126

3

2,5

74

0,99

549,450

 

 

4

10.06.15

- USA

1:2

 

27

0

1

173

0,92

0,000

 

 

5

04.09.15

- Polen

3:1

 

34

3

2,5

166

0,99

1232,550

 

 

6

07.09.15

- Schottland

3:2

 

31

3

2,5

169

0,99

1254,825

 

 

7

08.10.15

- Irland

0:1

 

54

0

2,5

146

0,99

0,000

 

 

8

11.10.15

- Georgien

2:1

 

110

3

2,5

90

0,99

668,250

4393,575

549,1969

9

14.11.14

- Gibraltar

4:0

 

 

3

2,5

50

0,99

371,250

 

 

10

13.06.15

- Gibraltar

7:0

 

 

3

2,5

50

0,99

371,250

5136,075

513,6075

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veränderung, wenn die Siege gegen Gibraltar gewertet werden

-35,5894

 

 

Ranglistenpunktzahl (ohne Siege gegen Gibraltar) = jetzt

1388,4000

 

 

Ranglistenpunktzahl wäre dann

1352,8106

                                             



Bei Einbeziehung der Siege gegen Gibraltar würde die Ranglisten-Punktzahl Deutschlands von 1388 auf 1353 sinken; Deutschland fiele dadurch hinter Argentinien (1383) und Portugal (1364) auf Rang 4. Seltsam!

Weshalb kann die FIFA ein derartiges System, das irrsinnig ist, überhaupt „gefahrlos“ anwenden? Sie kann sich auf die Psychologie verlassen! Die sicherste Methode, (auch) einem intelligenten Menschen das Denken abzuschalten, besteht darin, ihm Zahlen zu geben … Sofort wird er anfangen nach dem vorgegebenen Verfahren zu rechnen! Sinn und Verstand spielen dann keine Rolle mehr! Er agiert dann wie eine Maschine.
Alles scheint doch transparent und klar: wie beim Hütchenspiel. Der Vergleich zum Hütchenspiel ist übrigens passend. Was im Deutschen (abschätzig) als ‚Bauernfängerei’ bezeichnet wird, heißt im Englischen ‚confident trick’. Das Vertrauen darauf, dass alles schon seine Ordnung haben wird, wird arglistig ausgebeutet.

Und – wie in anderen Bereichen auch – kann man sich darauf verlassen, dass es genügend Menschen (immer eine Mehrheit!) geben wird, die sogar in den größten Unsinn eine Sinnhaftigkeit hineininterpretieren wird.
Dies heißt nun nicht, dass die Mehrheit der Menschen dumm sei. Wenn aber mit Instinkten (oder besser: „Konditionierungen“) von Menschen manipulativ (psychologisch geschult) gespielt wird, dann ist es sehr schwer, sich dem zu entziehen.

Dann bräuchte man beispielsweise eine ‚aufklärerisch’ agierende Presse … und weniger Meinungs- und Verlautbarungsjournalismus. Wie ist es denn möglich, dass die Medien der FIFA-Rangliste eine derart breite Plattform bieten? Die Aufklärung von Sachverhalten spielte halt keine Rolle (entspricht dem Zeitgeist …). Es wird nach der Methode verfahren: steht meine Mannschaft gut, dann ist die Rangliste gut – wird sie als zu schlecht eingestuft empfunden, dann kann etwas nicht stimmen … (Was nicht stimmt, wird aber weiterhin nicht untersucht; „Aberglaubenskriege“ werden stattdessen geführt).

Im Berechnungsverfahren der FIFA-Rangliste gibt es weitere Absonderlichkeiten. Mit dem Faktor I (Status des Spiels) wird die Wertigkeit eines Spiels „gewichtet“.
Noch im Kindesalter erlangt ein nicht Beeinträchtigter die Fähigkeit, einen „gewogenen“ Durchschnitt zu berechnen. Von sich aus käme er nicht auf die Idee, folgende Rechenaufgabe nach der Methode der „FIFA-Mathematik“ zu lösen:

Jemand arbeitet an 7 Tagen jeweils 9 Stunden, an drei Tagen jeweils vier. Wie viele Stunden arbeitet er pro Tag durchschnittlich?

 

FIFA-„Mathematik“:
7 mal 9 = 63
3 mal 4 = 12
Summe 75, geteilt durch 2, ergibt: er arbeitet pro Tag durchschnittlich 37,5 Stunden.

Der Verstand sagt dem Kind (jedenfalls in den allermeisten Fällen), dass die „Informationen“ über die Stundenzahlen „gewichtet“ werden müssen; demzufolge auch das „Zwischenergebnis“ durch die Summe der „Gewichtungsfaktoren“ zu teilen ist.

Nicht so beim Ranglistensystem der FIFA. Bei der Berücksichtigung von Länderspielen führt die Nichtanwendung des „gewogenen“ Durchschnitts dazu, dass in allen Fällen, in denen eine Mannschaft eine Jahrespunktzahl von über 600 Punkten hat, jeder (aber wirklich ‚jeder’) Sieg zu einer Verschlechterung der Ranglistenpunkte führt. Österreichs Jahrespunktzahl (im November ca. 711) würde jeweils sinken, wenn sie nacheinander gegen Argentinien und Deutschland jeweils 5:0 gewinnen würden. Einen solchen Irrsinn kann sich niemand vorstellen … und deshalb wird er praktiziert.

Trotzdem: auch wenn es so klänge, geht es nicht darum – in diesem Fall – die FIFA als Betrugsunternehmen darzustellen. Man hat Zauberlehrlingen ein Ranglistensystem überlassen, die es dann sehr schnell nicht mehr beherrschten. Clevere Funktionäre nationaler Verbände hatten sehr schnell erkannt, dass in der Praxis alleine für das Spielen von Länderspielen ein „Strafpunkteffekt“ eintritt. Man gewinnt ein Länderspiel nach dem anderen und fällt trotzdem in der Rangliste zurück! Man ergriff abenteuerliche Maßnahmen, damit Siege nicht gewertet werden konnten!

Eines der Grundprobleme der FIFA-Rangliste besteht darin, dass massenhaft Siege (!) zu einer Verschlechterung der Ranglistenpunktzahl führen. Wie am Beispiel Deutschlands dargestellt, ist es sehr oft besser, wenn Siege nicht gezählt werden. Die Problematik ist von außen nicht so schnell erkennbar, weil sie erst durch die Art der Verarbeitung der Zahlen entsteht und erkennbar wird.

Und zur Presse noch: es gibt noch Journalisten, die sich zunächst einmal kundig machen wollen … Ende Oktober suchte ein junger Journalist den Kontakt zu mir. Es entstand ein Austausch über Ranglistensysteme generell, speziell aber über das Ranglistensystem der FIFA. Die Prügel, die er bekommen wird, kann ich mir jetzt schon ausmalen … Wenn er einen fundiert kritischen Artikel über die FIFA-Rangliste in Österreich schreiben sollte – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem der Wiener auch mal auf etwas anderes als das Hochquellwasser stolz sein kann – dann ist er ein „tapferer Held …“

 

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